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Prolog
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Ein
kleines Mädchen streift durch einen verwilderten Pinienhain. Es dämmert
bereits, die Zikaden zirpen. Auf einem Marmorblock sitzt ein alter Mann. Das
Mädchen:
Guten Abend, alter Mann. Abend für Abend sehe ich dich hier auf diesem Marmorblock
sitzen, und es scheint, als würdest du warten. Was machst du noch hier draußen?
Die Akademie ist doch längst geschlossen. Der
Mann: Das ist
richtig. Ich sitze hier und warte auf meinen ehemaligen Schüler. Das
Mädchen:
Hat er denn nicht gesagt, wann er kommt?
Der Mann:
Nein, schon seit Jahren habe ich nichts von ihm gehört. Seit er in Makedonien
den kleinen Alexander unterrichtet, hat er seinen alten Lehrer nicht mehr
besucht.
Das Mädchen:
Aber woher weißt du denn dann, daß er heute noch kommt? Der
Mann: Ich weiß
nicht, ob er heute noch kommt. Aber weil ich weise bin, weiß ich, daß ich das
auch gar nicht wissen kann. Das
Mädchen:
Das verstehe ich nicht. Wieso wartest du zu so später Stunde vor deiner Akademie
auf jemanden, der nach deinen eigenen Worten nicht in Athen ist? Der
Mann: Ich möchte
versuchen, es dir zu erklären: Mein Schüler selbst hat in seiner Schrift
''Organon" dargelegt, nach welchen Regeln man von wahren Sätzen auf
andere Wahrheiten schließen kann. Und weil mein Schüler seinen alten Lehrer
tief verehrt, weiß ich, daß der Satz ''Wenn er in Athen ist, dann kommt er in
die Akademie" wahr ist. Das
Mädchen:
Aber sagtest du nicht, daß er in Makedonien ist? Dann ist er doch nicht hier in
Athen! Der Mann:
Das stimmt. Aber um diesen Schluß logisch zu begründen, mußt du hinzufügen,
daß auch der Satz "Wer in Makedonien ist, ist nicht zugleich in Athen"
wahr ist. Das Mädchen:
Einverstanden. Aber wenn es wahr ist, daß er nicht in Athen ist, warum wartest
du dann hier auf ihn? Wenn er nicht in Athen ist, dann kommt er doch auch nicht
hier her in die Akademie! Der
Mann: Siehst
du, genau hier liegt das Problem: Nun hast du doch falsch gefolgert. Ich weiß,
daß die Sätze ''Wenn er in Athen ist, dann kommt er in die Akademie"
und ''Er ist nicht in Athen" beide wahr sind. Doch es wäre ein schlimmer
Fehlschluß, aus diesen beiden Sätzen zu folgern, daß er nicht in die Akademie
kommt. Das Mädchen:
Du glaubst also wirklich, daß er kommt, obwohl er nicht in Athen ist? Der
Mann: Aber
nein auch das darf ich nicht folgern. Ich weiß lediglich, daß ich nicht
wissen kann, ob er kommt oder nicht. Also warte ich hier für den Fall, daß
er kommt. Das Mädchen:
Hm, das ist seltsam. Dann besteht deine Weisheit wohl darin, vieles nicht zu wissen?
Der Mann:
Ich weiß nicht.

Kapitel 1: Einführung und Übersicht
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| | If
it was so, it might be; and if it were so, it would be; but as it isn't,
it ain't. That's logic. | | | Lewis
Carroll |
Zu
einer Nacherzählung des vorangestellten Dialogs aufgefordert, würde
ein Kind vielleicht beginnen: ''Ein alter Mann zeigt einem kleinen Mädchen,
daß es falsch denkt" oder ''Ein Mann tut und sagt Dinge, die ein Kind nicht
versteht." Aber
nur wenige erwachsene Leserinnen und Leser würden sich auf diese Angaben
beschränken. Ihre Zusammenfassungen könnten etwa lauten: ''Ein etwas
verwirrter Philosoph belehrt ein Kind über logisches Schließen", ''Die
Szene karikiert das weltfremde Denken antiker Philosophen" oder vielleicht
sogar: ''Platon sitzt vor seiner Akademie und wartet auf Aristoteles". Interessant
an den beiden letztgenannten Umschreibungen ist, daß in dem einleitenden Dialog
weder von einer bestimmten zeitlichen Epoche die Rede war, noch der Name des alten
Mannes genannt wurde. Die Tatsache, daß manche Personen die Szene dennoch mit
bestimmten Philosophen der griechischen Antike in Verbindung bringen, deutet darauf
hin, daß an diesen Stellen Schlußfolgerungsprozesse stattgefunden haben. Aber
auf welcher Basis sind derartige Schlüsse möglich? Und folgt aus dem
Umstand, daß Kinder in der Regel nicht sofort sagen: ''Ah, da wartet wohl der
greise Platon vergeblich auf Aristoteles", daß sie nicht denken können?
Eine viel naheliegendere Ursache für die unterschiedlichen Inhaltsangaben
ist das inhaltliche Wissen, das Erwachsenen und Kindern zur Verfügung steht.
Wer nicht weiß, daß Aristoteles der Schüler von Platon und Lehrer von Alexander
dem Großen war, kann von den Hinweisen des Dialogs auch nicht auf die Namen der
Personen schließen. Und wer geglaubt haben mag, daß der Lehrer von Aristoteles
in Wirklichkeit ''Sokrates" hieß, den könnten dieselben Schlüsse
zu einem anderen Ergebnis geführt haben. Die
Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Denken hat bis heute nichts an Aktualität
eingebüßt. Der entscheidende Gedanke des Aristoteles, von der die Entwicklung
der Logik ihren Ausgang genommen hat, bestand in der Abstraktion vom Inhalt sprachlicher
Aussagen: Manche Argumente sind allein aufgrund ihrer Form gültig. Eine
Vielzahl experimentalpsychologischer Befunde hat jedoch immer wieder gezeigt,
daß die von Menschen tatsächlich gezogenen Schlüsse sehr stark vom Inhalt
der ihnen zugrundeliegenden Aussagen beeinflußt werden. Während seit langem
bekannt ist, daß inhaltliches Wissen die Anzahl logisch korrekter Antworten erhöhen
kann (Erleichterungseffekte), werden seit etwa zehn Jahren verstärkt Befunde
diskutiert, in denen inhaltliche Zusatzinformationen logisch korrekte Schlüsse
zu verhindern scheinen (Verhinderungseffekte bzw. suppression effect nach
Byrne, 1989). Anstatt sich nur nach der äußeren Form einer Aussage zu richten,
beziehen Menschen ihr Wissen über die zum Ausdruck gebrachten Sachverhalte
mit ein, wägen den Wahrheitsgehalt einer Prämisse ab und mißtrauen logischen
Konklusionen, die sie für unglaubwürdig halten. Bedeutet
dies, daß Menschen nicht formal, sondern eher inhaltlich denken? Oder folgt daraus
gar, daß sie ohne eine mühsame Auseinandersetzung mit dem abstrakten Regelwerk
gültigen Schließens gar nicht logisch denken können?
Hier
werden diese Fragen nicht beantwortet. Das Ziel dieser Arbeit ist
es stattdessen, die Fragen zu hinterfragen und einen theoretischen
Rahmen zu skizzieren, der es erlaubt, die Frage nach der Inhaltsabhängigkeit
logischen Denkens anders zu stellen. Dabei wird insbesondere auf
die zentrale Bedeutung inhaltlichen Wissens für menschliche
Schlußfolgerungsprozesse hingewiesen. Während sich einer nur
oberflächlichen Betrachtung, die ausschließlich die Form sprachlicher
Aussagen berücksichtigt, ein scheinbar unsystematisches Muster
von Erleichterungs und Verhinderungseffekten bietet, lassen sich
dieselben Phänomene im Rahmen einer theoretischen Analyse,
die auch die inhaltliche Dimension der thematisierten Sachverhalte
mit einbezieht, systematisch ordnen und erklären. Spezifiziert
man das inhaltlich relevante Hintergrundwissen der Versuchspersonen
und berücksichtigt das Zusammenspiel formaler und inhaltlicher
Faktoren bereits bei der Konzeption experimenteller Studien, so
läßt sich eine Vielfalt an wissensbasierten Erleichterungs
und Verhinderungseffekten präzise vorhersagen.

Der
weitere Verlauf der vorliegenden Arbeit gliedert sich in folgende Kapitel:
-
Kapitel 2 enthält formallogische Grundlagen und führt
eine Reihe von Begriffen ein, die in den sich anschließenden
Kapiteln vorausgesetzt werden.
-
Kapitel 3 bietet eine Übersicht über einige zentrale
Befunde und theoretische Erklärungsansätze zum schlußfolgernden
Denken. Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Debatte um den
suppression effect nach Byrne (1989) und die durch ihn
ausgelöste Kontroverse zwischen rivalisierenden Theorien
schlußfolgernden Denkens ein.
-
Kapitel
4 bildet den theoretischen Angelpunkt dieser Arbeit. In ihm
wird ein Instrumentarium entwickelt, mit dem sich das Zusammenspiel
formaler und inhaltlicher Faktoren in abstrakter Weise beschreiben
läßt. Unter der Annahme, daß die Interpretation umgangssprachlicher
Konditionale durch die wahrgenommene Suffizienz und Notwendigkeit
von Bedingungen beeinflußt wird, können die Schlüsse
von Versuchspersonen nicht nur aufgrund der Form, sondern auch
auf Basis des Inhalts konditionaler Aussagen vorhergesagt werden.
-
Kapitel
5 ist das umfangreichste Kapitel, da in ihm drei experimentelle
Studien dargestellt werden, die jeweils unterschiedliche Aspekte
des Umgangs mit konditionalen Sätzen beleuchten. Während
Experiment 1 dazu dient, die Annahmen über das Hintergrundwissen
der Versuchspersonen zu validieren, untersucht Experiment 2
die Schlußfolgerungen von Personen unter verschiedenen Inhalts
und Kontextbedingungen. Experiment 3 sucht die Frage zu beantworten,
inwieweit Menschen in der Lage sind, ihr inhaltliches Wissen
auf logisch angemessene Weise auszudrücken.
-
Das
abschließende Kapitel 6 rekapituliert die Stärken und Schwächen
der methodischen Vorgehensweise und zieht ein abschließendes
Fazit zur Bedeutung des suppression effect.
Neth,
H. (1998). Der Suppression Effect und die Modulation logischer Schlußfolgerungsprozesse
durch inhaltliches Wissen. [The suppression effect and the knowledge-based modulation
of logical reasoning.] Unveröffentlichte Diplomarbeit. Freiburg: Psychologisches
Institut der Universität.
Fachliche Betreuung durch Prof.
Hans Spada und Dr.
Sieghard Beller
[Download: pdf (1117 KB) | ps
(941 KB) ].
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